Als Saul David dem Philister entgegengehen sah, sagte er zu Abner, seinem Heerführer: “Abner, wessen Sohn ist der junge Mann?“ Abner antwortete: „So wahr du lebst, König, ich weiß es nicht.“ Der König sagte: „Dann erkundige dich, wessen Sohn der Knabe ist.“ Als David zurückkehrte, nachdem er den Philister erschlagen hatte, nahm ihn Abner mit und führte ihn zu Saul. David hatte den Kopf des Philisters noch in der Hand. Saul fragte ihn: “Wessen Sohn bist du, junger Mann?“ David antwortete: „Der Sohn deines Knechtes Isai aus Bethlehem.“
Nach dem Gespräch Davids mit Saul schloss Jonathan David in sein Herz. Und Jonathan liebte David wie sein eigenes Leben.
Saul behielt David von jenem Tag an bei sich und ließ ihn nicht mehr in das Haus seines Vaters zurückkehren.
Jonathan schloss mit David einen Bund, weil er ihn wie sein eigenes Lebenliebte. Er zog den Mantel, den er anhatte, aus und gab ihn David, ebenso seine Rüstung, sein Schwert, sein Bogen und seinen Gürtel.
David zog ins Feld, und überall, wohin ihn Saul schickte, hatte er Erfolg...Als aber am zweiten Tag, dem Tag nach dem Neumond, der Platz Davids wieder leer blieb, sagte Saul zu seinem Sohn Jonathan: „Warum ist der Sohn Isais gestern und heute nicht zum Essen gekommen?“Jonathan antwortete Saul: „David hat mich dringend gebeten, nach Bethlehem gehen zu dürfen. Er sagte: Lass mich gehen, denn in der Stadt findet ein Opfer unserer Sippe statt. Mein Bruder selbst hat mich aufgefordert, zu kommen. Wenn ich dein Wohlwollen gefunden habe, dann möchte ich jetzt gehen und meine Brüder wiedersehen. Deswegen ist David nicht an den Tisch des Königs gekommen.“ Da wurde Saul zornig über Jonathan und sagte: „Du Sohn eines entarteten und aufsässigen Weibes! Ich weiß sehr gut, dass du dich zu deiner eigenen Schande und zur Schande des Schoßes deiner Mutter für den Sohn Isaisentschieden hast. Doch solange der Sohn Isais auf Erden lebt, wirst weder du noch dein Königtum Bestand haben. Schick also sofort jemand hin, und lass ihn holen, denn er ist ein Kind des Todes.“ Jonathan antwortete seinem Vater Saul: „Warum soll er umgebracht werden? Was hat er getan?“ Da schleuderte Saul den Speer gegen ihn, um ihn zu töten. Nun wusste Jonathan, dass sein Vater beschlossen hatte, David umzubringen. Voll Zorn stand er vom Tisch auf und aß an diesem zweiten Neumondtag nichts; denn er war bekümmert wegen David, weil sein Vater ihn beschimpft hatte.Gedanken dazu:
1.) Mir gefällt, dass eine solche Liebesgeschichte zwischen Männern überhaupt in der Bibel steht. Ohne jede Wertung erzählt der Schreiber, dass Jonathan David liebt wie sein eigenes Leben. Wenn man diesen Text mit Ausführungen von Paulus in Römer 1, 26 + 27 oder in 1. Korinther 6, 9 vergleicht, kann man sich nur wundern, dass offen und ohne erhobenem Zeigefinger von der Liebe Jonathans zu David erzählt wird.
2.) Von Sex miteinander ist aber nicht die Rede. Es fehlt auch jeder Hinweis auf solche Bestimmungen wie in 3. Mose 20, 13: „Schläft einer mit einem Mann wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Greueltat getan, beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen.“
3.) Mir wird nun verständlich, warum Saul David hasst und nach dem Leben trachtet, den er doch noch kurz vorher an seinen Königshof geholt hat: Er erkennt, dass sein Sohn Jonathan sein Herz einem anderen Mann schenkt und ihn „liebt wie sein eigenes Leben“. Das deutet sehr stark darauf hin, dass Jonathan schwul gewesen ist. Sonst wäre er, der Vater, eines solchen starken Gefühls nicht fähig, das in die damaligen Geschichtsbücher einging.
4.) Auch heute noch reagieren manche Väter genauso wie Saul damals: Sie sehen im Geliebten ihres Sohnes den Sündenbock: Wenn der „falsche“ Freund ausgeschaltet würde, wäre ja sein Sohn “normal“ geblieben und könnte mit einer Frau Kinder zeugen.
5.) Ob David zumindest bisexuell gewesen ist, lassen die Texte offen. Jedenfalls hat er doch Gefühle und sagt nachher in einem Trauerlied über Jonathan in 2. Sam. 1, Vers 26: “Weh ist mir um dich, mein Bruder Jonathan. Du warst mir sehr lieb. Wunderbarer war deine Liebe für mich als die Liebe der Frauen.“
6.) Mir ist wichtig, dass die Liebe für die Beziehung zweier Männer hier in der Bibel im Mittelpunkt steht. Schon hier verlangt die Liebe nach einem festen Bund und einer symbolischen Handlung: Jonathan macht sich vor David wehrlos und schenkt seinem Freund die ganze Kampfausrüstung der damaligen Zeit. So fing die wunderbare Freundschaft zwischen David und Jonathan an, die leider so tragisch endete.